Dienstag, 23. August 2011

Stellungnahme des Zoo Magdeburgs zur Tötung von Zootieren

Da hab ich eben mein email-Postfach geöffnet und siehe da; eine mail mit dem Betreff "Beschwerde Artenschutz Tiger etc." vom Zoo Magdeburg :) Gespannt hab ich sie geöffnet... Ich hätte ehrlich gesagt nicht gedacht, dass ich überhaupt eine Antwort bekomme, und dann noch so schnell und so lang... Und dabei handelt es sich nicht um ein Standard-Schreiben; es wurde individuell auf meine mail eingegangen... Aber lest am besten erstmal selbst:

"Sehr geehrte Frau XXX,

viele Dank für Ihre Zuschrift. In einem Punkt haben Sie tatsächlich Recht.
Auf der Homepage werden in der Tat nur Tiergeburten aufgelistet. Das hat damit zu tun, dass die Besucher in erster Linie daran interessiert sind zu sehen, bei welchen Arten aktuell Jungtiere zu sehen sind - aber: man kann natürlich darüber nachdenken, analog zu den Tierbestandslisten im Jahresbericht auch über Abgänge, sei es durch Tod oder Abgabe, zu informieren. Komplett wird man das jedoch kaum sinnvollerweise abbilden können, da natürlich im Zoo jeden Tag Tiere verfüttert werden, was nun wirklich keinen Menschen ernsthaft überraschen kann, weil es erstens sichtbar passiert und zweitens logisch ist, so lange man Fleischfresser hält. Seien Sie versichert, dass auch jeder Tierpfleger mit diesem Umstand
vertraut ist, noch bevor er sich entscheidet, diesen Beruf zu erlernen und auszuüben - und in einem Punkt besteht hier hoffentlich auch auf Ihrer Seite kein Missverständnis: Tierpfleger, wie auch Tiergärtner in der Leitungsebene, ergreifen ihren Beruf in erster Linie aus Leidenschaft für Tiere. Und keiner, der in einem Zoo arbeitet, tötet gerne Tiere. Insofern schlagen Sie mit Ihren Anschuldigungen nicht nur irgendwelchen vermeintlich "kaltblütigen" Zoomitarbeitern vor den Kopf, sondern einem ganzen Berufsstand und vielen Mitarbeitern, die hier tagtäglich mit hohem Engagement und Berufsethos ihren Job machen - mit so etwas sollte man sehr vorsichtig sein, denn auch Ihnen müsste klar sein, dass die Dinge eigentlich nie so schwarz/weiß sind, wie sie einem vielleicht manchmal auf den ersten Blick erscheinen.

Zu den Tigern: Unsere Pfleger haben fast 2 Jahre gebraucht, um Kater und Katze aneinander zu gewöhnen und zur Paarung zu bewegen. Sie können sich vielleicht nicht vorstellen, was es heißt, zwei Raubkatzen, die hoch gefährliche Einzelgänger sind, aneinander zu gewöhnen. Vielleicht können Sie sich vorstellen, wie groß die Freude war, als es geklappt hatte und die Katze trächtig war - und vielleicht können Sie sich den Schock vorstellen, den es für alle beteiligten bedeutete, als kurz darauf die Nachricht kam, dass der Kater auf Grundlage von neuen gentechnischen Analysen als Mischling aus Sumatra (Tropen) und Amur (Taiga)-Tiger identifiziert und daher aus dem Zuchtprogramm für die höchst bedrohten Amur-Tiger ausgeschlossen wurde.
Was
ist der Sinn von Zoos? Hier stand er nun zur Debatte. Eines der Ziele derZoos ist (neben Bildung, Erholung und Forschung) eben der Artenschutz. ImKlartext heißt das: Arten, für die ein Zuchtprogramm besteht, sollen als"genetisch gesunde" Zoopopulation erhalten werden, d.h. ihre genetische Variabilität soll über einen Zeitraum von 100 Jahren plus x zu mindestens 95% erhalten werden. Dies kann nur durch eine international koordinierte Zucht gelingen, in der der jeweilige Zuchtbuchkoordinator bestimmt, welche Tiere aus welcher "Linie" mit welchen anderen Tieren verpaart werden sollten. Diese Tiere "gehören" keinem einzelnen Zoo, sondern der Zoogemeinschaft, bzw. dem Programm, sie werden nicht verkauft, sondern nach Maßgabe des Koordinators "eingestellt" - all dies sind Maßnahmen, die von den Zoos im Laufe der letzten Jahrzehnte auch zu dem Zwecke eingeleitet wurden, um diesen Tieren jeglichen "Marktwert" zu nehmen. Die Abwägung im Fall der Tigerjungtiere war nun, diese Tiere entweder in Haltungen (sei es nun ein Zirkus oder an einen Tierhändler mit unbestimmten Ziel) abzugeben, von denen wir überzeugt waren, dass sie keine artgerechte Haltung für diese Tiere bedeutet hätten, oder aber sie schmerzfrei einzuschläfern. Wir selber hätten sie an keinen anderen Zoo abgeben können, da die Zahl an Tigeranlagen für Amur-Tiger in den Zoos ohnehin stark begrenzt ist und daher keine überzähligen Anlagen, die die artgerechte Haltung von Tigern erlauben, existieren. Eine vorzeitige Abtreibung der Jungtiere hätte die Gesundheit der Katze gefährdet - auch diese Option bestand also nicht. DA die Katze zudem erstgebährend war, bestand ohnehin ein erhöhtes Risiko (wie bei Katzen üblich), dass sie den ersten Wurf nicht annimmt, d.h. dass die Jungtiere sterben oder direkt nach der Geburt gefressen werden. Dies ist in unseremFall nicht eingetreten und so kam es zu der Entscheidung, die Jungtiere schmerzfrei einzuschläfern. Eine solche Entscheidung fällt niemand leichten Herzens und schon gar niemand, der in einem Zoo arbeitet.

Und noch ein Wort zum Thema "unschuldige Tiere". In den 70er Jahren wurde in dem Zoo meiner Kindheit ein Kind von einem Leoparden schwer verletzt, weil es in der Fernsehserie Daktari immer gesehen hat, wie mit einem Leoparden geschmust wurde und in dem Irrglauben, Leoparden seien Schmusekatzen, die Absperrung überwand und die Hand durchs Gitter streckte. Das Mädchen hat zum Glück überlebt - was danach kam, war eine öffentliche Debatte über die "Schuld" des Leoparden, es wurde dessen Tötung gefordert zur "Strafe" für sein "Verbrechen". Klingt absurd? Genau. Tiere sind immer unschuldig, egal, ob es sich um neugeborene Tigerwelpen handelt, um "hässliche" Ratten oder um den Elefanten, der fünf Menschen getötet hat. Es kommt darauf an, sie mit Respekt zu behandeln, nicht jedoch, sie zu besseren Menschen hoch zu stilisieren. Das Tierschutzgesetz zielt richtigerweise darauf ab, Leid vom Individuum abzuhalten - und dies kann im Zweifel bedeuten, dass man ein Tier aus Tierschutzgründen töten muss.

Natürlich steht es jedem frei, die Haltung von Tieren in menschlicher Obhut und damit natürlich auch in Zoos prinzipiell abzulehnen - wenn es eine Frage des Glaubens ist, ist dies auch zu respektieren. Ich glaube dies nicht, ich glaube vielmehr, dass die Zoos tatsächlich ein wichtiger Baustein sind in dem Bestreben, auf der Erde ein nachhaltiges Gleichgewicht wieder herzustellen. Und ich weiß auch, dass die Zoos -genau wie jeder Einzelne- weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart immer alles richtig machen und ebenso steht außer Frage, dass es immer wieder Entscheidungssituationen geben wird, die einen Tiergärtner vor einen fast unlösbaren Konflikt stellen. Dies alles muss man in Kauf nehmen, wenn man sich dieser Aufgabe verschrieben hat - und in diesem Punkt darf ich glaube ich für alle Mitarbeiter des Zoos sprechen- wir nehmen es in Kauf und dazu gehört auch, dass man diese Diskussionen führen muss. Ihr Schreiben bestärkt mich darin,dass es ein hohes Defizit an Informationen gibt (ich meine jenseits vonGlaubensfragen) bezüglich der Aufgaben, Ziele, Vorgehensweisen undGrundannahmen unseres Handelns.

Ein letztes Missverständnis: Zoos handeln nicht nach dem ökonomischenPrinzip der Profitmaximierung. Unsere Zielfunktion ist an erster Stelle dieMaximierung einer Bewusstseinsfunktion, diese beinhaltet die genannten Themen Artenschutz, Forschung, Bildung und Erholung - und zwar alles gemeinsam in einer Art Kuppelproduktion. Der betriebswirtschaftliche Erfolg ist hier eine Nebenbedingung, die von den finanziellen Möglichkeiten der Trägerkommunen definiert und von den Zoos entsprechend erfüllt werden muss.
Insofern sind es zum Teil Steuermittel, die in diesem Moment darauf verwandt wurden, dass ich Ihnen diese Zeilen schreiben konnte und ich hoffe sehr, dass ich Ihnen zumindest einen kleinen Ansatz liefern konnte, Ihren Zorn und Ihr Unverständnis etwas zu relativieren.

Mit freundlichen Grüßen"

==>> Tja, was soll ich davon halten?? Also die Situation wird ganz schön positiv dargestellt... Die Tiger wurden also eingeschläfert, da man ansonsten keine artgerechte Haltung hätte garantieren können... Und auf den aktuellen Skandal der Tötung der Zebrafinken wurde gar nicht konkret eingegangen...

Der "beste" Satz ist ja noch dieser: ...dass die Zoos tatsächlich ein wichtiger Baustein sind in dem Bestreben, auf der Erde ein nachhaltiges Gleichgewicht wieder herzustellen." Hört sich gut an, aber wie bitte soll ein Zoo das Gleichgewicht auf der Erde wiederherstellen???

Und dass ein Zoo nicht am Profit interessiert ist, nehme ich denen auch nicht ab. Immerhin geben sie zu, dass auf der Homepage nur die Zugangsliste steht, damit die Besucher sofort sehen, bei welchen Arten es niedlichen Nachwuchs gibt...

Und der Absatz zu den "unschuldigen Tieren" und dass man Tiere nicht als bessere Menschen sehen soll hätten die sich auch sparen können...

Was sagt ihr zu der Antwort??

Kommentare:

  1. Dass die Tötung der Tiger, sowie der Zebrafinken falsch war, steht außer Frage. Und so langsam fange ich auch an an der Zurechnungsfähigkeit des Zoodirektors zu zweifeln.
    Allerdings denke ich, dass der Zoo nicht am Profit interessiert ist, sondern daran, seine Kosten zu decken. Wer in Magdeburg lebt, weiß wie es in der Stadtkasse aussieht. Und wenn in den Haushaltskassen Ebbe herrscht, wo wird zuerst gestrichen? Natürlich bei der Kultur, Kunst und Bildung, also Bibliotheken, Theater, Museen, Schwimmbäder, Jugendzentren und eben auch am Zoo.
    Nur weil weniger Geld aus öffentlichen Mitteln kommt, haben die Tiere im Zoo aber nicht weniger Hunger. Was macht man da als Zoodirektor, man sieht zu, die Besucherzahlen zu erhöhen.
    Ich will mir gar nicht ausmalen, unter welchem Druck man da steht. Vor allem habe ich auch noch das alte Elefantenhaus im Kopf, dass schon seit Jahren nach einem Neubau schreit und wofür seitdem auch Spenden gesammelt werden. Es reicht nur eben nicht... Profitgier ist eigentlich das letzte, woran man beim Magdeburger Zoo denkt.

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  2. Ich verweise einfach mal auf diese Doku:
    http://www.wdr.de/mediathek/html/regional/2011/06/06/die-story.xml

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  3. @Autumn_Wind: Also sind sie nicht am Profit sondern an der Maximierung des Umsatzes interessiert... Aber das bedeutet ja trotzdem, dass sie so viel wie möglich einnehmen müssen, um die Futterkosten, Gehälter etc. zu decken. Und dass sie dafür regelrecht über Leichen gehen, ist nicht in Ordnung.

    In der email hiess es: "Was ist der Sinn von Zoos? Hier stand er nun zur Debatte. Eines der Ziele der Zoos ist (neben Bildung, Erholung und Forschung) eben der Artenschutz."

    ...und weiter hiess es in der mail: "dass die Zoos tatsächlich ein wichtiger Baustein sind in dem Bestreben, auf der Erde ein nachhaltiges Gleichgewicht wieder herzustellen."

    Und das glaube ich denen nicht, die belügen sich doch selbst!! Aber das ist wahrscheinlich bei jedem Zoo der Fall, nur die lassen ihre Tiere nur geschickter töten, so dass es niemand merkt. Hoffentlich bricht es wenigstens dem Zoo Magdeburg das Genick, dass diese Verbrechen nun an die Öffentlichkeit getreten sind...

    P.S.: Danke fürs folgen :)

    @Raine: Und das ist der Grund warum man keine Zoos besuchen sollte...

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  4. Also so weit ich weiß brauchen Zoos meistens öffentliche Zuschüsse, da sie sich alleine über die Eintrittsgelder nicht halten können. Kann dir da aber die Quelle der Information nicht mehr angeben.

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  5. Da reicht es schon, mal an die Sache mit Logik ranzugehen.
    Nehmen wir als gegeben an, ein Zoo wollte wirklich Gewinne machen, in dem Sinne, dass am Ende was übrigt bleibt, dass sich wer auch immer in die Taschen stecken kann. Dann braucht man viele Besucher. Besucher sind heute anspruchsvoll, das heißt, sie wollen die Tiere in schönen, großen, natürlichen Gehegen sehen. Wenn also tatsächlich so viel Geld da wäre, wäre es doch marktwirtschaftlich sinnvoll, es in das zu investieren, was der Kunde will, um noch mehr Kunden zu haben und damit noch mehr Geld. Warum gibt es dann in so vielen Zoos noch alte Gehege? Wäre doch unlogisch, den Leuten etwas zu bieten, was sie nicht sehen wollen?

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  6. @anonym: Solche "moderneren" Gehege sieht man ja bsp. im Zoo Zoom Erlebniswelt in Gelsenkirchen. Gut, die Gehege sind auch nicht viel größer als in anderen Zoos, aber dort gibt es kaum noch Gitter; so hat der Besucher das Gefühl die Tiere wären nicht eingesperrt...

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